Der Traum von Freiheit: Als das Leben für Tikam, Frodo, Varvara und Lulu begann

Der Traum von Freiheit: Als das Leben für Tikam, Frodo, Varvara und Lulu begann

(verfasst für die Uli Stein-Stiftung für Tiere in Not von Susanne Wondollek)

Unseren ersten Telefontermin musste Eva Lindenschmidt, stellvertretende Betriebsleiterin bei TIERART, absagen: Kurz nacheinander waren zwei Rehkitze in der Auffangstation abgegeben worden, beide von freilaufenden Hunden aufgestöbert, verletzt und von ihrer Mutter in Panik allein gelassen worden. Das eine erst drei Tage alt. „Hoffentlich gibt es sich nicht einfach auf“ sorgt sich  die Diplom-Biologin. Doch sie versucht alles, um das zu verhindern. Beide Kitze hat sie bei sich zu Hause und versorgt sie alle zwei bis drei Stunden mit Lämmermilch.
Eva Lindenschmidt hofft, dass ihren zwei Schützlingen nicht allzu viele weitere folgen werden. Es passiere immer wieder, dass Spaziergänger sie aus falsch verstandenem Mitleid mit nach Hause nehmen, berichtet sie. Dabei sei es völlig normal, dass die Kitze alleine in der Wiese liegen und die Mutter sie nur alle paar Stunden zum Säugen aufsuche.

Auch ein zauberhafter, ängstlicher Fuchswelpe, dessen Mutter und Geschwister bei Forstarbeiten grausamst ums Leben kamen, fand  bei TIERART Unterschlupf. Und ein Wurf verwaister Waschbärwelpen. Mit 21 g  kleinster und leichtester Neuzugang ist aktuell ein Igel. Rund um die Uhr wird er stündlich von den Tierpflegern mit der Pipette gefüttert. Normaler Alltag in der Auffangstation.

Natürlich müssen auch die knapp hundert „Stamm“bewohner versorgt werden: Pumas, Waschbären, Füchse, Schafe, Ziegen – und natürlich die beiden Tiger. Ihnen haben letztlich alle ihre Unterkunft hier in Maßweiler zu verdanken: denn ohne die Großkatzen gäbe es die Auffangstation wohl nicht.

Rangun, Medan, Sharif und Saida, alle im Jahr 1989 und bis auf Saida in Gefangenschaft geboren, waren unfreiwillige Mitglieder im Staatszirkus der ehemaligen DDR. Über ein Jahrzehnt wurden sie durch Deutschland und Russland gekarrt, um ihr eingedrilltes Programm wieder und wieder vorzuführen: auf kleinen Hockern Männchen machen, durch brennende Reifen springen und auf Elefanten reiten. Artgerecht? Keine Spur. Tierschutz? Kein Thema. Waren sie nicht in der Manege, so wurden sie eingesperrt. In Käfigen, die so eng waren, dass Rangun, der größte Tiger, darin nicht einmal aufrecht stehen konnte. Eigentlich hätten die Raubtiere sich freuen können,  als mit der Wiedervereinigung die „Hoch“-Zeit des Zirkus endete und sie sich nicht mehr vor einem johlenden Publikum präsentieren mussten. Doch es kam  noch schlimmer: Sie wurden in Käfigen aufbewahrt und vegetierten dahin. Kein Zoo oder Tierparkzeigte sich bereit oder in der Lage, Rangun und seine Kollegen aufzunehmen. Ihre „Entsorgung“ war bereits geplant – und wäre wohl auch erfolgt, wenn sich nicht TIERART  eingeschaltet hätte. Der letztlich zu ihrer Rettung im Jahr 1999 gegründete Verein kämpfte um das Leben der Großkatzen und bewahrte sie vor dem sicheren Tod.

In Kooperation mit der Tierschutzstiftung VIER PFOTEN suchte und fand man für sie ein tigergerechtes Domizil mit Auslauf und Rückzugsmöglichkeiten. Bis zu ihrem Tod kamen die beiden Vereine für ihre Unterkunft und Versorgung auf und ermöglichten ihnen so einen Lebensabend ohne Drill und Zwang und mit einer Ahnung davon, was Freiheit bedeuten könnte.

Noch viele behördliche Steine mussten aus dem Weg geräumt und mancher Kampf ausgetragen werden, bis VIER PFOTEN die Großkatzenstation TIERART auf dem 14 Hektar großen ehemaligen US-Militärgelände in Maßweiler eröffnen sollte. 2015 war es soweit. Und die Auffangstation wurde dringend gebraucht: Bundesweit gab es nichts Vergleichbares und Rangun, Medan, Sharif und Saida waren nicht die einzigen Tiger, die ausgebeutet wurden.

Auch Varvara hatte 12 Jahre ihres Lebens, eingesperrt in einem 10 qm kleinen Käfig,  in bulgarischen Zirkussen verbracht. Als dort im Januar 2015 die Haltung von Wildtieren in Zirkussen gesetzlich verboten wurde, sah man sie als nutzlos und überflüssig an. Ihre Euthanisierung war schon geplant. VIER PFOTEN rettete die Tigerin in letzter Minute und organisierte im darauffolgenden September ihre Umsiedlung zu TIERART.

Nie werde sie Varvaras ersten Freigang in Maßweiler vergessen, so Eva Lindenschmidt. Ganz vorsichtig habe die Tigerdame ihre Pfoten auf die Erde gesetzt, sei immer wieder stehen geblieben, um zu schnuppern und voller Staunen den Himmel und den grünen Rasen zu betrachten. Und ihn zu fühlen: denn offensichtlich war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie Gras unter ihren Pfoten spürte.  In den ersten Wochen sei sie allerdings immer wieder eine Strecke von etwa 4 m am Zaun auf und ab gegangen: die Macht der 12-jährigen Gewohnheit. Doch heute trollt Varvara begeistert durch das Badebecken, spielt mit ihrem Ball und entspannt zwischendurch auf dem Felsen. In der Vorweihnachtszeit zerfetzt sie mit Inbrust Tannenbäume. Und alle Fotos von ihr beweisen: Varvara liebt das Leben und genießt es, einfach Tiger sein zu dürfen.

Wie ihr geht es auch allen anderen Wildtieren, die das Glück hatten, bei TIERART ein artgemäßes Zuhause zu finden: dem Puma Tikam, der in einer Zwei-Zimmer-Wohnung als Haustier gehalten wurde, oder Frodo, dem wunderschönen Pastellfuchs, der sonst als Fellkragen am Mantel geendet hätte. Oder Lulu, das schwarze Kamerunschaf, das vielleicht sonst als Osterbraten auf dem Mittagstisch gelandet wäre.

Seit dem 06.06. dürfen sie im Rahmen von Führungen alle wieder (unter besonderen Auflagen: Nähere Infos siehe homepage) in der Auffangstation Maßweiler besucht und bestaunt werden. Wichtig ist Eva Lindenschmidt, dass die Zur- Schau – Stellung nur ein Nebeneffekt ist. Die Tiere stünden an erster Stelle:„Die meisten haben ein schlimmes Schicksal hinter sich. Bei uns sollen sie sich wohl fühlen. Und dazu zählt auch, dass sie jederzeit die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen und zu verstecken“, betont die Biologin. Im Falle der einheimischen Wildtiere ist das Ziel ihres Aufenthaltes–abgesehen von wenigen Ausnahmen wie z.B. den invasiven Waschbären – ihre Wiederauswilderung. Bei Großkatzen, die in menschlicher Obhut gehalten wurden, ist dies allerdings nicht so ohne Weiteres möglich. Doch Bela und Sharuk, die 2015 aus privater Haltung gerettet wurden, sind der Wildnis und dem „echten“ Tigerleben mittlerweile sehr, sehr nahe gekommen. Seit Oktober letzten Jahres genießen sie in dem von VIER PFOTEN betriebenen, 12 km2  großen Großkatzenrefugium LIONSROCK die Sonne Südafrikas.

Was soll noch in dem Bericht stehen, den ich über TIERARTe.V. schreibe? Welche Botschaften darf ich in ihrem Auftrag übermitteln? frage ich meine Interviewpartnerin.

Eva Lindenschmidts Antwort folgt prompt: Es wäre schön, wenn Eltern öfter mit  ihren Kindern  in den Wald gingen. Ihnen erzählten, welche Tiere und wie diese dort lebten. Und warum man keine Rehkitze anfassen oder mitnehmen dürfe. Sie be-greifen lassen, was „Natur“ bedeutet und wie schön sie ist –wenn der Mensch sie nicht stört.

Dass Menschen sich bewusster ernähren und kleiden – und nicht gedankenlos Parkas mit Echtfell und Billigfleisch vom Discounter kaufen.

Und sie wünscht sich ein bundesweit einheitliches Gesetz, das strikt verbietet, Wildtiere wie Geparden, Pumas und Füchse als Haustiere zu halten.

„Sie sollen leben –und zwar so, wie es ihrer Art und Natur entspricht“, erklärt Eva Lindenschmidt und wendet sich den Rehkitzen zu: Es ist Zeit für die nächste Flasche.

Kontakt

Tierartstraße 1
66506 Maßweiler
+49 6334/9847377
wildtierauffangstation@tierart.de

www.tierart.de

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